Gedanken zum Sinn des Lebens - zitiert mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Victor E. Frankl: Ärztliche Seelsorge.
Deuticke, 1982.

- farbige Hervorhebenung nicht vom Verfasser -

Wie oft geschieht es nicht, dass einer unserer Patienten uns vorhält, sein Leben hätte keinen Sinn, da seine Tätigkeit ohne höheren Wert sei. Ihn müssen wir vor allem darauf hinweisen, dass es letztlich gleichgültig ist, wo ein Mensch im Berufsleben steht, was er arbeitet; es kommt vielmehr lediglich darauf an, wie er arbeitet, ob er den Platz, auf den er nun einmal gestellt ist, tatsächlich auch ausfüllt. Wichtig ist also nicht, wie groß sein Aktionsradius ist; wichtig ist allein, ob er seinen Aufgabenkreis erfüllt. Ein einfacher Mensch, der die konkreten Aufgaben, die ihm Beruf und Familie stellen mögen, wirklich erfüllt hat, ist trotzt seines "kleinen " Lebens "größer" und höherstehend als etwa ein "großer" Staatsmann, in dessen Hand es liegt, mit einem Federstrich über das Schicksal von Millionen zu entscheiden, der aber seine Entscheidungen gewissenlos trifft.


Es gibt aber nicht nur Werte, die sich durch ein Schaffen verwirklichen lassen; außer diesen - wir möchten sie nennen: "schöpferischen" - Werten gibt es auch solche, die im Erleben verwirklicht werden, "Erlebniswerte". Im Aufnehmen der Welt, z.B. in der Hingabe an die Schönheit von Natur oder Kunst, werden sie realisiert. Die Sinnfülle, die auch sie dem Menschenleben geben können, darf nicht unterschätzt werden. Sollte jemand daran zweifeln, dass der aktuelle Sinn eines bestimmten Augenblicks im menschlichen Dasein in bloßem Erleben erfüllt werden kann, also jenseits allen Tuns und Handelns, aller Wertverwirklichung durch Aktivität, dann sei er auf folgendes Gedankenexperiment verwiesen. Er stelle sich vor, das ein musikalischer Mensch im Konzertsaal sitzt und an seinem Ohr soeben die eindrucksvollsten Takte seiner Lieblingssymphonie vorüberrauschen, so dass er nur jenen Schauer empfindet, den man angesichts reinster Schönheit erlebt; er stelle sich nun vor, dass man diesem Menschen in einem solchen Moment die Frage vorlegen könnte, ob sein Leben einen Sinn habe; der so Befragte würde wohl antworten müssen, dass es schon dafürgestanden wäre zu leben, allein um jenen verzückten Augenblick zu erleben. Denn wenn es sich auch nur um einen Augenblick handelt - schon an der Größe eines Augenblicks lässt sich die Größe eines Lebens messen: die Höhe einer Bergkette wird ja auch nicht nach der Höhe irgendeiner Talsohle angegeben, sondern ausschließlich nach der Höhe des höchsten Berggipfels. So entscheiden aber auch im Leben über dessen Sinnhaftigkeit die Gipfelpunkte und ein einziger Augenblick kann rückwirkend dem ganzen Leben Sinn geben. Fragen wir einen Menschen, der, auf einer Hochtour begriffen, das Alpenglühen erlebt und von der ganzen Herrlichkeiten der Natur so ergriffen ist, dass es ihm einfach kalt über den Rücken läuft - fragen wir doch einmal ihn, ob nach solchem Erleben sein Leben noch jemals gänzlich sinnlos werden kann.


Unserer Meinung nach gibt es aber noch eine dritte Kategorie möglicher Werte. Denn das Leben erweist sich grundsätzlich auch dann noch als sonnvoll, wenn es werder schöpferisch fruchtbar noch reich an Erleben ist. Es gibt nämlich eine weitere Hauptgruppe von Werden, deren Verwirklichung eben darin gelegen ist, wie der Mensch zu einer Einschränkung seines Lebens sich einstellt. Eben in seinem Sichverhalten zu dieser Einengung seiner Möglichkeiten eröffnet sich ein neues, eigenes Reich von Werten, die sicherlich sogar zu den höchsten gehören. So bietet ein scheinbar noch so sehr - in Wirklichkeit aber eben nur an schöpferischen und Erlebniswerten - verarmtes Dasein noch immer eine letzte, ja nachgerade größte Chance, Werte zu verwirklichen. Diese Werte wollen wir Einstellungswerte nennen. Denn wie der Mensch sich zu einem unabänderlichen Schicksal einstellt, darauf kommt es hier an. Die Möglichkeit, derartige Einstellungswerte zu verwirklichen, ergibt sich also immer dann, wenn sich ein Mensch einem Schicksal gegenübergestellt findet, dem gegenüber es sich nur darum handeln kann, dass er es auf sich nimmt, dass er es trägt; wie er es nun trägt, wie er es gleichsam als sein Kreuz auf sinch nimmt, darum geht es. Es geht um Haltungen wie Tapferkeit im Leiden. Würde auch noch im Untergang und im Scheitern. Sobald wir aber die Einstellungswerte in den Bereichen möglicher Wertkategorien einbezogen haben, zeigt es sich, dass die menschliche Existenz eigentlich niemals wirklich sinnlos werden kann: das Leben des Menschen behält seinen Sinn bis "in ultimis" - demnach solange er atmet; solange er bei Bewusstsein ist, trägt er Verantwortung gegenüber Werten und seien es auch nur Einstellungswerte. Solange er Bewusst-sein hat, hat er Verantwortlich-sein. Seine Verpflichtung zu verwirklichen, lässt ihn bis zum letzten Augenblick seines Daseins nicht los. Mögen die Möglichkeiten der Wertverwirklichung noch so eingeschränkt sein - Einstellungswerte zu verwirklichen, bleibt noch immer möglich. So erweist sich auch die Geltung des Satzse, von wir ausgegangen: Mensch-sein heißt Bewusst-sein und Verantwortlich-sein.

Frankl, Viktor E., Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. Franz Deuticke, Wien, und Fischer Taschenbuch 42302, Frankfurt am Main, 1946-1997.